Heimbach

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Heimbach und seine Geschichte

Von Kaspar Vallot

Das Ausflugs- und Ferienland „Eifel“ ist wahrlich nicht arm an schönen „Flecken“, an stattlichen Burgen, schmucken Dörfern, an Flüssen und Bächen, deren Wasser so rein ist, dass sich selbst die alten Römer in der Colonia Agripinensis, dem späteren Köln, über eine hundert Kilometer lange Leitung mit Eifelwasser versorgten. Wirklich reich ist die zeitweise als „Sibirien des Rheinlandes“ verschriene Eifel tatsächlich an schöner Natur, an Bergen und Tälern, an allem, was eine Region, die sich Gästen zu Ausflug und Urlaub empfiehlt zu bieten hat.

Eine der Perlen dieser Region, über tausend Jahre alt, am Rande des Naturparks Eifel, am Fluss Rur und in Nähe des Hochmoores Hohes Venn gelegen, ist Heimbach, ein Städtchen inmitten von Wäldern, Bergen und Seen. Im Kernbereich ganze 1100 Einwohner zählend, dehnt sich eine der kleinsten europäischen Städte über 65 Quadratkilometer aus, zwischen 190 und 525 Meter über dem Meeresspiegel. Dank seiner klimatischen Bedingungen ist Heimbach seit 1974 staatlich anerkannter Luftkurort. Sogar die Sonne meint es gut mit Heimbach, haben doch die Statistiker für Heimbach eine Sonnenscheindauer von 1604 Stunden jährlich gemessen. Heimbach, ein Städtchen, das dank vieler lokaler Gegebenheiten seinesgleichen sucht.

Was dem Anreisenden zuerst ins Auge fällt, wenn er sich dem malerischen Ort nähert, ist die Burgruine auf einem Felsvorsprung, der sich 33 Meter über der Rur erstreckt. Ihren Namen verdankt die Burg, die zu den ältesten Burgen der Eifel zählt, dem durch das Städtchen fließenden Bach „Hengebach“. So sehr Wissenschaftler auch forschten, wann wohl die Burg Hengebach erbaut worden ist, genaue Daten konnten nicht ermittelt werden. Was zahlreiche Dokumente nachweisen, ist die Tatsache, dass Burg Hengebach im Laufe der Jahrhunderte zahlreiche Eigentümer hatte, in einer tausendjährigen Geschichte als uneinnehmbar galt, bis die Angreifer nicht mehr mit Pfeil und Bogen und Hellebarde, sondern mit Kugeln und Kanonen attackierten.

Über Jahrhunderte wurden dem Kern der Burg immer wieder Auf- und Neubauten zugefügt, so dass man heute nicht mehr von einem bestimmten Stil sprechen kann. Aus der Baugeschichte ist ein Datum überliefert. Im Jahr 1207 heiratete ein Graf Wilhelm von Hengebach die Erbtochter des Grafen von Jülich, wie Dr. Reinhold Heinen, erster Landrat des Kreises Monschau nach dem Krieg und Verleger der Tageszeitung „Kölnische Rundschau“, ein großer Freund Heimbachs, ermittelte. Eine Heirat, durch die Heimbach in seiner abwechslungsreichen Geschichte an die Jülicher Grafenfamilie gekommen ist. Also an Jülich, das über Jahrhunderte eine Regionalmacht mit beträchtlichem Einfluss war.

Aber zunächst haben damals die Herren von Hengebach, also von Heimbach, die größere Bedeutung besessen. Und sie brachten Jülich im Jahr 1207 in ihre Abhängigkeit. Erst 1356 war Jülich so stark geworden, dass es sich, zum Herzogtum aufgestiegen, über die Hengebacher erheben und sich Ende des 14. Jahrhunderts sogar Monschau und Euskirchen einverleiben konnte.

Ein schreckliches Unglück traf Heimbach im Jahre 1687, als ein Stadtbrand auch die Burg zerstörte. Vor diesem großen Unglück hatte aber der Verfall schon eingesetzt. Der zitierte Verleger Dr. Heinen hat Zeiträume, in denen Hengebach von Grafen, Herzögen und Markgrafen regiert wurde, erforscht. Er ist zu dem Ergebnis gekommen, dass den großen Epochen der stattlichen Burg Zeiten gefolgt sind, in denen die Burg als „Witwensitz der Jülicher Herrscher und als Sommerfrische der Heimbacher Burggräferei“ gedient hat, bis dann 1687 die Burg zerstört worden ist.

Als Heinen 1964 niederschrieb, was seine Forschung zur Wahlheimat Heimbach ergeben hatte, standen viele Städtchen und Dörfer der Eifel vor der Entscheidung darüber, in welche Zukunft sie ihre Heimat nach den Verwüstungen des Krieges steuern sollten. Für Heinen war die Richtung klar. Er formulierte recht allgemeinverständlich: Die Heimbacher sollten alles daransetzen, eine „Sommerfrische“ von landesweitem Ruf zu werden. Er hatte auch Kronzeugen dafür, wie beliebt Heimbach als Ort der Erholung in der Vergangenheit gewesen sei. So habe sich die Gattin des belgischen Königs Leopold wiederholt in die Einsamkeit Heimbachs zurückgezogen, um sich im Kurstädtchen zu erholen. Der Marie-Henriette-Blick an der Straße nach Mariawald hat daher seinen Namen.

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Leitet die Kunstakademie: Professor Frank Günter Zehnder

Der Rat der Stadt ließ sich eines Tages überzeugen und beschloss einstimmig, die altehrwürdige Burg solle ein „Haus der internationalen Kunstakademie“ werden, mit Ateliers für die Bildende Kunst in der Hauptburg sowie mit Bibliothek und Musikraum im Torhaus. Aber auch für das Studium neuer Medien und für Kunstausstellungen sei Raum zu schaffen. Das wurde nicht nur beschlossen, das wurde Zug um Zug realisiert. Nicht einmal ein Restaurant sollte fehlen.

So besitzt Heimbach seit 2009 eine Kunstakademie, die anspruchsvolle Bildungs- und Ausbildungs-Programme für alle Altersgruppen bietet. „Junge Kunst in alten Mauern“, das ist das Motto, nach dem sich Heimbach weiterhin entwickeln soll.

Für einen Touristenort brachte Heimbach immer die besten Voraussetzungen mit. Eine malerische Ortskulisse, im Tal der Rur gärtnerische Anlagen, vor der Haustüre der Kermeter für Wanderer mit einiger Kondition, auch weite Wanderwege, in Blickweite der Staudamm der zweitgrößten deutschen Talsperre Schwammenauel mit all ihren Angeboten auf den Gebieten des Wassersports, die Möglichkeit, mit Booten der Weißen Flotte über den Rursee 20 Kilometer weit zu weiteren „Perlen“ des Fremdenverkehrs zu fahren. Es fehlt an nichts. Alles ist auf überschaubarem Raum vorhanden: das Haus des Gastes, das Freibad, ein Kurpark mit Kinderspielplatz und Musikpavillon, ein Staubecken für Paddeltouren, nicht zu vergessen die Wallfahrtskirchen St. Clemens und Christus Salvator. St. Clemens aus dem Jahre 1725 und die moderne Wallfahrtskirche St. Salvator mit der Pieta der „Schmerzhaften Mutter“, dem Gnadenbild, eingebunden in einen 500 Jahre alten Antwerpener Schnitzaltar.

Wer viel Glück und jede Menge Beziehungen hat und eine Eintrittskarte erwirbt, kann in der „Kathedrale der Kammermusik“ ein musikalisches Ereignis ganz besonderer Art erleben. Diese Kathedrale ist das Heimbacher Wasserwerk, das 1905 im reinsten Jugendstil erbaut wurde. Das damals größte Speicherkraftwerk Europas produziert noch heute 25 Millionen Kilowattstunden im Jahr. Nach den Plänen von Professor Otto Intze wurde ein Stollen von 3000 Meter Länge durch das Massiv des Kermeters getrieben, und durch diesen Stollen schoss und schießt das Wasser zu Tal und auf die Turbinen des Jugendstil-Kraftwerks. Der Bezirk Aachen konnte von Heimbach aus weitgehend mit elektrischem Strom versorgt werden.

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Wundervolle Räume in einer wundervollen Klosteranlage: Abtei Mariawald.

Viele Jahre später entdeckte ein Pianist von Weltklasse, Lars Vogt aus Düren, dieses Werk als Veranstaltungsort für die im Jahr 1998 ins Leben gerufene Konzertreihe „Spannungen“, und seitdem findet zwischen mächtigen Turbinen, blitzenden Armaturen und Schalttafeln statt, was die Presse mit den Worten lobte: „Das kühne Jugendstil-Ambiente überträgt sich sogleich auf Raum wie auf Musiker und Zuhörer“. Nicht verwunderlich ist es da, dass es viel Glücks bedarf, um eines der wenigen Festspiel-Tickets zu erstehen.

Wer auf der Suche nicht nur nach körperlichem Wohl, sondern auch nach seelischem Heil ist, der wird die Abtei Mariawald besuchen, oberhalb Heimbachs auf 417 Metern Höhe gelegen, am Rande des Naturparks Eifel. Die heutige Abtei ist eine Klostergründung des ausgehenden Mittelalters. Die Legende berichtet, im Jahr 1470 habe ein Heimbacher Handwerker namens Heinrich der Fluitter, Strohdachdecker von Beruf und Flötist, in Köln eine hölzerne Pieta entdeckt, eine Schmerzensmutter mit ihrem toten Sohn auf dem Schoß.

Diese Pieta habe Heinrich so ergriffen, dass er beschlossen habe, das Kunstwerk, ein Vesperbild im gotischen Stil, zu erwerben und es mit in seine Heimat zu nehmen. So geschah es. Oberhalb Heimbachs errichtete Heinrich eine bescheidene Hütte. Schon bald erlebte der Einsiedler auf seiner einsamen Höhe, dass mehr und mehr Menschen kamen, um von der Madonna Trost und Hilfe zu erbitten. So entwickelte sich die Heimbach Wallfahrt.

Tausende Pilger finden sich Jahr für Jahr im „Lourdes der Eifel“, wie fromme Pilger gerne sagen, in Heimbach ein. Nachdem 1479 auf der Höhe eine kleine Kapelle entstanden war, fanden sich 1450 Mönche in Heimbach ein, zwölf Apostel aus dem Orden des heiligen Bernhard von Claivaux. Bald entstand eine spätgotische Kloster- und Wallfahrtskirche mit dem Gnadenbild der Pieta in einem prachtvollen Flügelaltar.

Die Mönche erlebten – fernab des Weltgeschehens – Verfolgung, Vertreibung, Enteignung, Zerstörung ihres Klosters. Aber sie bauten alles wieder auf oder kamen nach Vertreibung immer wieder in die Eifel zurück. So auch um das Jahr 1860. Die Heimkehrer gehörten 1860 dem im 17. Jahrhundert im französischen La Trapp entstanden Zweig der Zisterzienser an, weshalb sie Trappisten genannt werden. Man spricht auch von schweigenden Mönchen, die äußerst einfach leben, im besten Sinne des Wortes still sind, mit Wasser und Brot vorlieb nehmen. Wer sie allerdings in Mariawald besucht, sollte es nicht versäumen, sich für eine Mahlzeit zu den Mönchen zu begeben und auf keinen Fall das Spezialgericht der Trappisten verschmähen: eine Erbsensuppe, die alles an nahrhaften Dingen enthält und von jener Qualität ist, die nur zustande kommt, wenn sie in großen Töpfen hergestellt wird.

Alles, worüber Heimbach bisher verfügte, ist über lange Zeit entstanden, hat historische Wurzeln. Bisher? Wagt Heimbach sich in unseren Tagen an eine moderne Entwicklung? Will das Kurstädtchen die demographische Entwicklung nicht nur stoppen, sondern umkehren? – Fragen, die die nahe Zukunft beantworten muss. Was hat sich ereignet? Eine niederländische Firma hat in Heimbach das aus dem Boden gestampft, was man landläufig „Feriensiedlung“ und „Resort“ nennt. Aber gemessen an dem, was Heimbach bisher ausmachte und wohl auch auszeichnet, ist es weit entfernt von dem, was die Sprache unter Siedlung versteht. Es entstand quasi über Nacht ein luxuriöser „Ferienpark“. Ein, so eine Schrift der Bauherren, „Feriendomizil als Kapitalanlage“. Das Domizil besteht aus einer großen Zahl von Ferienhäusern. Häuser verschiedener Preisklassen. Aber alle so gebaut und ausgestattet, dass sie höchste Qualität versprechen können.

Es entstand, wo sonst in Eifelgemeinden noch hier und da Baugebiete ausgewiesen werden, die zum Teil nur selten an Bauwillige veräußert werden können, ein Dorf, ja ein ganzer Stadtteil, der das alte Kurstädtchen in den Schatten stellt. „Ein Standort“, so eine Schrift der Baufirma, „mit vielfachen Möglichkeiten und großem Potential.“

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Im Jahr 2012: Das Feriendorf wird gebaut.

„Eifeler Tor“, so nennt sich der „Standort mit Potential“, mit zwei Spielplätzen und Innen- und Außenschwimmbad. Sogar ein Kino wird eingerichtet, in dem sich Kinder wohlfühlen werden. Die Erwachsenen sollen nicht zu kurz kommen. Sie können sich im Wellnesscenter verwöhnen lassen und in deutschen und italienischen Restaurants essen. Im deutschen Gasthaus der Anlage wird sogar ein Heimbacher Bier gebraut, und shoppen kann man in Boutiquen und im Supermarkt der Ferienanlage. Selbst für Sitzungen und große Konferenzen bietet der Ferienpark Möglichkeiten aller Art.

Es ist eine kleine Stadt entstanden, die alles bietet, was die vielen Niederländer sich für einen erholsamen Ferienaufenthalt in der Eifel erhoffen. Die Zahl der Übernachtungen soll 150.000 und mehr im Jahr betragen, und der Bürgermeister äußert sich zuversichtlich: dieses „Resort Eifeler Tor“ sei für Heimbach ein großer Schritt in eine bessere, finanziell gesicherte Zukunft.

Ob Heimbach damit der Zielvorgabe seines Ehrenbürgers Dr. Heinen näherkommen, kann erst die Zukunft erweisen. Eine „Sommerfrische“ sollte Heimbach werden. Was immer wird: Die übrigen Ferienorte der Eifel sollten nicht der Versuchung erliegen, das Heimbacher Vorbild übernehmen zu wollen. Auch für Monschaus Rosenthal haben niederländische Finanziers – schon vor Jahr und Tag – ein stattliches Kurhotel mit allen Schikanen in Aussicht gestellt.

Da kann man nur hoffen, dass sich viele Kölner, Aachener, Düsseldorfer und Ruhrgebietsbewohner entschließen, nicht mehr an fremden Stränden in Italien, Spanien und der Türkei Urlaub zu machen, sondern sich in komfortablen Neubauten in der Eifel für den gestressten Alltag fit zu machen.

(Anmerkung der Redaktion: Der Autor findet – aus unerfindlichen Gründen – Ferienparks nicht schön. Seis drum. Er darf das hier äußern, entspricht damit aber nicht der Meinung der Redaktion. ;-)) )

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Zu Heimbach gehört die Abtei Mariawald. Dort leben einige wenige Zisterzienser und folgen dem Schweigegebot. http://de.wikipedia.org/wiki/Abtei_Mariawald

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